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Veröffentlicht am: 28.06.2022
Geschrieben von:
Marchiodi Mirco

Offener Brief des Präsidiums des Unternehmerverbandes: "Wo will Südtirol hin?"

Bozen, am 28. Juni 2022 – Vor wenigen Tagen hat die Gemeinde Terlan nach einem negativen Gutachten der Landeskommission für Raum und Landschaft beschlossen, das Verfahren zur Ansiedlung des Bozner High-Tech-Unternehmens alpitronic, das in Europa führend in der Herstellung von Elektroschnellladesäulen ist und in Terlan einen neuen, modernen und innovativen Sitz errichten wollte, zu unterbrechen.

Das Präsidium des Unternehmerverbandes Südtirol nimmt dies zum Anlass, um in einem offenen Brief eine zentrale Frage für die Zukunft Südtirols zu stellen.

 

„South Tyrol is more than apple and cows” (Zitat Anna Quinz). Südtirol ist auch geprägt von Industrieunternehmen, die in ihren Marktnischen führend sind; von innovativen Betrieben, die auf den Märkten der ganzen Welt tätig sind; von Unternehmen, die stark in diesem Land verwurzelt sind, wo sie täglich investieren und wo sie dank ihrer hochtechnologischen und qualitativ ausgezeichneten Produkte hochwertige Arbeitsplätze schaffen.

Diese Unternehmen und ihre Produkte sind Botschafter und Imageträger unseres Landes. Leitprodukte und Leuchtturmprojekte – ganz gleich, ob technische, ästhetische, umweltrelevante oder intelligente Denkansätze und Lösungen – prägen ein Land und lassen es zu einem Sehnsuchtsort werden.

Die Tätigkeit der Unternehmen des produzierenden Gewerbes spielt sich auf nicht einmal 0,3% der Gesamtfläche Südtirols, oder 4% der nutzbaren Fläche ab, generiert aber 80% der Exportleistung und mehr als 70% der Investitionen in Forschung und Entwicklung. Aber immer öfter werden wir mit der Frage konfrontiert, ob Südtirol wirklich ein Industrie- und Innovationsland bleiben will.

Das Beispiel von alpitronic ist kennzeichnend dafür. Ein ehemaliges Start-up-Unternehmen, das in Südtirol geboren und gewachsen ist und heute in Europa führend in der Herstellung von Schnellladesäulen für E-Autos. Ein Vorzeigebeispiel für nachhaltiges Wirtschaften. Rechnet man die geladene Energie zusammen, die seit 2018 über die alpitronic hypercharger geladen wurde, könnte ein Auto damit ca. 25.000-mal die Erde umfahren, damit konnten verglichen mit einem Diesel- oder Benzin-Fahrzeug mehr als 170.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Wir sprechen also von einem Unternehmen, das führend ist in den Bereichen Nachhaltigkeit und Innovation: genau das, was Südtirol anstrebt.

Für das Unternehmen, das heute knapp 300 Mitarbeiter:innen beschäftigt, sind die Räumlichkeiten in Bozen zu eng geworden. Es handelt sich um junge Mitarbeiter:innen – das Durchschnittsalter liegt bei 33 Jahren –, hoch qualifiziert, mit sicheren und gut bezahlten Arbeitsplätzen. In Terlan sollte ein innovatives Projekt entstehen, ein Gebäude, in dem die Entwicklungs- und Verwaltungsabteilungen, die Produktionsstätten und Lager vereint werden sollten. Ein Green-Building, völlig energieunabhängig und klimaneutral. Ein Sitz mit Kita und öffentlicher Kantine. Eine technologisch fortschrittliche Fabrik mit großem Entwicklungspotenzial in einem strategischen Gebiet für die Zukunft nicht nur Südtirols, sondern ganz Europas. Mit großem Mehrwert bei minimalem Flächengebrauch: auf 25.000 Quadratmeter verbauter Fläche für das erste Baulos könnten bis zu 300 weitere Arbeitsplätze geschaffen werden. Ebenfalls wird auf dieser relativ kleinen Fläche ein beträchtlicher Teil des Südtiroler Exports realisiert.

Ein Projekt, das nun aufgrund eines negativen Gutachtens eines Landesamtes zu scheitern droht. Wieder einmal sind wir mit einer Bürokratie konfrontiert, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung bremst. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir wollen keine Abkürzungen oder Bevorzugungen. Aber von den Institutionen erwarten wir schnelle, transparente und weitsichtige Entscheidungen. In den vergangenen Monaten hat das Projekt von alpitronic ein positives Gutachten des Amtes für Gewässernutzung erhalten. Ebenso ein positives Gutachten des Amtes für Gewässerschutz. Und schließlich ein positives Gutachten vom Labor für Luftanalyse und Strahlenschutz. Nun wurde von einem Amt eine negative Stellungnahme abgegeben und die Gemeindeverwaltung hat beschlossen das Verfahren der Umwidmung einzustellen.

Unsere Frage in Bezug auf den Fall alpitronic, aber auch in Bezug auf viele andere Beispiele innovativer Unternehmen, die sich in Südtirol nicht mehr weiterentwickeln können, lautet: Wollen wir wirklich alles aufgeben? Wollen wir wirklich auf unsere innovativsten Unternehmen verzichten? Auf jene Unternehmen, die entscheidend dazu beitragen werden, den digitalen und vor allem ökologischen Wandel, vor dem wir stehen, erfolgreich zu bewältigen? Welche die besten Arbeitsplätze für unsere Jugend bieten? Die ihren Mitarbeiter:innen Gehälter auszahlen, die um 40 Prozent über dem Landesdurchschnitt liegen? Und die am meisten Steuern und Abgaben zahlen, die dann in den Haushalten der Provinz und der Gemeinden landen?

Es macht wenig Sinn, über Nachhaltigkeit zu sprechen und dazu Festivals zu veranstalten, wenn wir dann gerade jene Unternehmen verjagen, die in diesen Bereichen führend sind. Es nutzt nichts, einen Technologiepark zu finanzieren, wenn wir dann innovativen Unternehmen nicht die Möglichkeit geben, ihre High-Tech-Lösungen in Südtirol zu entwickeln. Es ist überflüssig, Millionen für die Bewerbung unseres Landes auszugeben, um junge Talente wieder nach Südtirol zurückzuholen und neue von außen anzuziehen, wenn wir dann nicht die Schaffung von hochqualifizierten, gut bezahlten Arbeitsplätzen ermöglichen.

Wo will Südtirol hin? Das ist die Frage, die wir uns stellen müssen.